Der Rabenvater vom Londoner Tower

Derrick Coyle hat eine wichtige Aufgabe, er muss das Unglück von Großbritannien fern halten.

Erschienen im Weser Kurier vom Korrespondenten Frank Herrmann

London. Die Legende hält sich so hartnäckig, dass sie in fast jeder London-Fibel auftaucht: Wenn die Raben den Tower verlassen, geht`s England schlecht. So weit, so gut, aber was passiert dann genau? Geht es der Monarchie an den Kragen? Wird Tony Blair von seinen Parteifreunden gestürzt? Klaut jemand die kostbaren Kronjuwelen?
Was läge näher als den Rabenvater, pardon: den Rabenmeister, zu fragen, den Mann, der den sagenumwobenen Vögeln das Futter reicht. Derrick Coyle grübelt ein wenig und antwortet vage. ,,Ein Unglück", murmelt er, ,,ein großes Unglück bricht dann über Großbritannien herein".

Die magische sechs

So hatte man es schon Karl II. ins Ohr geflüster, kurz nach der Thronbesteigung im Jehre 1660, und näher ins Detail geht man bei Hofe auch heute nicht.
Karls Astrologe fühlte sich von den Raben, die damals in Scharen auf en Festungsmauern nisteten, beim Sternegucken gestört. Doch nach gründlicher Beratung, bestand der König darauf, dass ein Restkontingent bleibt. Ganz geheuer ist der Tod eines gefiederten Towerbewohners der Dynastie auch im 21. Jahrhundert nicht. Immerhin wird die Queen sofort per Eildepesche informiert. Die magische Zahl ist die sechs. Sechs Raben müssen es wenigstens sein, sonst bricht das Unglück herein.,,Zwei halte ich zusätzlich in Reserve", sagt Coyle und räumt im nächsten Satz mit einem Schmarren auf. Von wegen, sein Job sei so alt wie der Tower, jene im 11. Jahrhundert von Wilhelm dem Eroberer angelegte Burg, die im Laufe der Zeit als Staatsgefängnis, Zeughaus, Schatzkammer und Hinrichtungsstätte genutzt wurde. Den Rabenmeister gibt es gerade einmal seit 30 Jahren.
Der erste war ein gewisser Jack Wilmington. Derrick Coyle seit 1984 im Amt, ist die Nummer drei. Eigentlich betreibt er das Rabenfüttern nur im Nebenjob. Der Mann mit den weißen Stoppelhaaren nennt sich Yeoman Warder und ist rein theoretisch, ein Leibbwächter der Queen.

Die Beefeater

Knapp 40 solcher Veteranen, auch Beefeater (Rindfleischesser) genannt, schieben im Tower of London Dienst. in der Praxis sind die Gardisten eher folkloristische Figuren, die den Besuchern den Weg zum funkelnden Koh-i-noor zeigen.
,,Ich habe früher Soldaten angebrüllt, jetzt brülle ich Sie an", schmettert gerade einer von Coyles Kollegen einer Reisegruppe aus Kalifornien entgegen, was ihm prompt einen Lacher einträgt. Im Ernst, so merkt der Raven-Master an, Beefeater werde nur einer, der mindestens 40 Jahre alt ist, 22 Jahre beim Militär war unnd dort wenigstens Hauptfeldwebel. Dass sich Derrick Coyle um die Raben kümmert, hat mit seiner Herkunft zu tun. Als Bauernsohn aus der Grafschaft Durham kommt er mit Tieren gut klar. ,,Außerdem bin ich Frühaufsteher".
Im Sommer wälzt er sich morgens um fünf aus den Federn. Um halb sechs macht er die Käfige sauber. Dann stellt er Cedric, Gyllum und Hardey, den Schwestern Hugine und Munin, dem Brüderpaar Thor und Odin und schließlich dem namenlosen Neuzugang den Fressnapf hin-für jeden Raben gibt es sechs Unzen Geflügel, Rind und Lamm.
,,sechs Unzen", sagt Coyle, und schon das verrät, dass er altmodisch denkt: Bei den meisten britischen Metzgern sind sechs imperiale Unzen mittlerweile 170 europäischen Gramm geworden.
Hardey, der größte Kaventsmann, bringt es auf eine Spannweite von respektablen vier Fuß, das sind in Europa mehr als 1,20 Meter. Thor kann sprechen: ,,Come on, man!", krächzt er und ,,That`s for me!". Gyllum hat die aufregendste Familiengeschichte. Seine Mutter Georgina fatterte mal als George über den Tower Rasen, bis sie ein Fernsehkabel zerbiss und zur Strafe in einen walsischen Bergzoo musste, wo sie ein Ei legte aus dem wiederum Gyllum schlüpfte.

Vögel die nicht fliegen

James Croow ist in den Tower-Annalen der Methusalem: Als er 1924 starb, war er 44 Jahre alt. In freier Wildbahn werden seine Artgenossen im Duchschnitt nur 10 bis 15 Jahre alt. Der aktuelle Veteran, der Riese Hardey bringt es auf 26 Lenze.
Als Letztestieß Miss Namenlos , eine Waliserin, zu der ilustren Runde,. Man fand sie mit verletzten Flügeln am Strand; im august gibt ihr die Kindersendung ,,Blue Peter" einen Namen . ,,Er soll walisisch sein und muss mit dem Tower zu tun haben" , verrät Derrick Coyle und grinst:,, Viel Spaß beim grübeln."
Ja es stimmt, die schwarzen Vögel können nicht fliegen. Einen Hüpfer schaffen sie gerade noch, vieleicht drei, vier Meter hoch, auf eine Feldsteinmauer und wieder herunter. Aber damit sie nicht fliehen, werden ihnen regelmäßig einige Flugfedern gestutzt.
Dass sie ganz ohne Flügel herumlaufen, ist Tower-Latein. ,,Nein, nein, Tierquälerei ist das nicht", verwahrt sich Derrick Coyle gegen einen Vorwurf, den er oft hört. ,,Meine Raben können lediglich in der Luft nicht die Balance halten. Sie können nicht schweben, aber sonst geht`s ihnen gut."

ENDE