Liebe Freunde und Leser des Rabenbaums,

nach den bisherigen Beiträgen über das Krähenmorden im Landkreis Leer, würde ich an dieser Stelle gern einmal etwas positives in dieser Angelegenheit schreiben. Leider muss ich jedoch den folgenden Artikel zitieren, der am 23.04.05 im Weserkurier unter der Rubrik:
KURZ GEFASST
erschien:


Bis zu 10.000 Krähen mussten offenbar bisher
für ein Forschungsprojekt im Landkreis Leer
sterben. Das hat Landwirtschaftsminister
Hans-Heinrich Ehlen (CDU) gestern im Landtag
eingeräumt. Geprüft wird dabei, ob sich die Bestände
von Wiesenvögeln und Feldbrütern erholen, wenn
massenhaft Krähen getötet werden. (DPA)

Zum Thema Vogelmord gab der Landwirtschaftsminister auf seiner Homepage folgende Erklärung:

Das Thema Krähenjagd empört viele Menschen. Muss dieses ziemlich barbarische Totknüppeln der Vögel wirklich sein?
Es handelt sich um ein Forschungsprogramm des Wildbiologischen Instituts der Tierärztlichen Hochschule in Hannover. Es geht dabei um das Wiesenvogelschutzprogramm, das viel Geld kostet. Wenn wir nun feststellen, dass beispielsweise die Kiebitze kaum, dass sie geschlüpft sind, nicht mehr da sind, weil vermutlich Rabenkrähen sie aufgefressen haben, dann ist das ein teures Krähenfutter. Lohnt da ein Wildvogelschutzprogramm für einige hunderttausend Euro?
Aber müssen die Krähen denn wirklich totgeprügelt werden?
Sonst werden sie erschossen. Tot sind sie. Wie will man das sonst machen? Man geht derzeit von etwa 36 000 Rabenkrähen im Landkreis Leer aus. Jetzt will man etwa ein Viertel herausnehmen. Dann sehen wir, ob dadurch die Überlebenschancen der Wiesenbrüter besser werden. Diese Vögel haben keine Chance gegen die Krähen. Dass es keinen Spaß macht, die Krähen totzuschlagen, ist klar. Aber uns fehlen bisher wissenschaftliche Beweise. Der Versuch läuft bis nächstes Jahr, wenn schon vorher eine Tendenz abzusehen ist, kann er auch verkürzt werden.


Augenscheinlich sollen hier die Wiesenvögel und Feldbrüter geschützt werden, leider hat es allerdings den Anschein, als handele es sich um eine Großoffensive der Landwirtschaft gegen die Rabenvögel. Es wird sogar billigend in Kauf genommen, dass sich geschütze Vogelarten in den Fallen verfangen haben und qualvoll verendet sind. Derzeit ist dies von elf Vögeln bekannt.

Zum Verständnis: An dieser Stelle wollen wir den Schauplatz im Rabenvogelkonflikt "Wiesenvögel" näher betrachten. Besondere Aufmerksamkeit genießen seit Jahren die "Wiesenvögel" für den Naturschutz. Großes Interesse gilt dabei vor allem den Nichtsingvögeln unter den Wiesenbrütern, den Wattvögeln, gelten sie doch als Zeiger für intakte Lebensräume und naturschonende Bewirtschaftung; Kiebitz, Uferschnepfe, Rotschenkel, Bekassine und Großer Brachvogel sind jene eindrucksvollen und auffälligen Vogelgestalten. Da ihre ursprünglichen Habitate, große Überschwemmungsgebiete, Flussauen, Feuchtgebiete und Moore mit den ehemaligen Naturlandschaften Mitteleuropas längst untergegangen sind, hatten sie in extensiv bewirtschafteten, feuchten Grünländereien sozusagen Ersatzlebensräume gefunden. Dort brüten sie oft in gemischten Kolonien.
Die enorme Nutzungsintensivierung der modernen Landwirtschaft während der letzten vier Jahrzehnte hat diese vermeintlich erfolgreichen Kulturfolger inzwischen in arge Bedrängnis gebracht. Für den allgemeinen dieser Wiesenvögel scheinen aber die Hauptschuldigen in Jägerkreisen längst festzustehen. "Wer Wiesenvögel schützen will, muss Rabenvögel Schießen", lautet die Formel hier im deutschen Norden.

So pauschal ist diese Parole jedoch falsch! Überall dort, wo detaillierte Studien über Siedlungsdichte, Bruterfolg- und Verluste der Wiesenbrüter Ursachen und Zusammenhänge erhellen, ergeben sich wesentlich differenziertere Resultate.

Landwirtschaftlicher Einfluss: Zunächst stimmen alle Regional- und Lokalstudien dahingehend überein, dass im Wirtschaftsgrünland zwischen 50 und 80 Prozent der direkten Verluste auf die intensive Landwirtschaft zurückgehen, die in Fachkreisen unbestritten als Hauptursache für den Niedergang der Populationen gewertet wird.

  • Kunstdüngerstreuen, das ausbringen von Gülle, Schleppen und Walzen von Wiesen und Weiden im Frühjahr vernichtet Gelege.
  • Zu hohe Weidetierdichten führen zu Gelege und Brutzerstörung durch Viehtritt.
  • Zu früher erster Schnitt vernichtet Gelege oder die Küken kommen dabei zu Tode.
  • Zu starke Entwässerung bedeutet Verlust genau der Feuchtgebietsersatzstrukturen in Wiesen und Weiden, die Voraussetzung für erfolgreiche Brutansiedlung sind.
  • Artenreiche schwachwüchsige Feuchtwiesen werden in stark gedüngte, trockengelegte und durch Umbruch und Einsaat hochwüchsiger Futtergrassorten produktive Grasäcker umgewandelt, die für Wiesenbrüter zur Ansiedlung ungeeignet sind.

Dem gegenüber sind in Naturschutzgebieten mit strengen Bewirtschaftungsauflagen die Verluste durch landwirtschaftliche Nutzung viel geringer, oft unter 20 Prozent, oder fallen garnicht ins Gewicht. Selbstverständlich spielt die Erbeutung durch natürliche Gegner, die für die verletzlichen Bodenbrüter eine nicht zu unterschätzende Rolle. Bis auf wenige Sonderfälle jedoch keine entscheidende Rolle. Je nach örtlichen Gegebenheiten liegen die Prädationsraten (Erbeutung durch natürliche Feinde) in genauer untersuchten Flächen beispielsweise des Bremer Raums und der Wesermarsch zwischen sieben und etwa 35 Prozent. So fielen nach A. Schoppenhorsts Untersuchungen von über 1.600 markierten Gelegen der wiesenbrüter in verschiedenen Brutgebieten um Bremen zwischen 1988 und 1995 zusammengerechnet etwa 15 Prozent Prädatoren zum Opfer. An dieser Prädation wiederum war die Rabenkrähe zu etwa 50 Prozent beteiligt. Das bedeutet: Weniger als 10 Prozent der Gesamtverluste konnten der Rabenkrähe angelastet werden. Bei starkem Rabenkräheneingriff waren es immer nur noch 25 Prozent der Gelege, die nach W. Eikhorsts Beobachtungen in den "Borgfelder Wümmewiesen" von Rabenkrähen geraubt wurden.

Studien aus Osteuropa belegen aber auch deutlich höhere Anteile (bis 80 Prozent) der Prädation vor allem durch Greifvögel. Dies scheint besonders dann, wenn halbnatürliche oder natürliche Verhältnisse herrschen, der Fall zu sein, also auch in manchen Naturschutzflächen. Mit anderen Worten: Gehen Direktverluste der Intensivlandwirtschaft zurück, können natürliche Verluste wie Prädation überhaupt erst zu Zuge kommen.

Der Rabenvogel ist jedoch nicht der einzige Prädator. Unter den Säugetieren sind dies: Hermelin, Iltis, Rotfuchs, Hauskatze, mancherorts wildernde oder streunende Haushunde, Igel und Wanderraten. Unter den Vogelarten sind dies: Rabenkrähe, Graureiher, Mäusebussard, Turmfalke und Rohrweihe.
Diese alle teilen sich die natürliche Verlustursache Prädation. Nach übereinstimmenden Direktbeobachtungen vieler Studien und gestützt durch Experiment mit ausgelegten künstlichen Kiebitzgelegen lässt sich festhalten:

  • Die Rabenkrähe ist unter den Vögeln der hartnäckigste, aber bei weitem nicht der erfolgreichste Prädator für Wiesenvögel. Je nach den lokalen Gegebenheiten gehen bis etwa 70 Prozent aller Störungen und Prädationsverluste auf ihre Kosten.
  • Andere Rabenvögel jedoch spielen kaum eine Rolle.
  • Je dichter die Wiesenbrüter brüten (bei intakten gemischten Kolonien), desto erfolgreicher können sie sich gegen Angriffe aus der Luft verteidigen. In Dichtezentren der Wiesenvogel gelingt Krähen oder Greifvögeln seltener ein Jagderfolg; stärker gefährdet sind isolierte Brutvorkommen oder gar Einzelpaare. Im Zentrum der Kolonien sind die Wiesenbrüter am sichersten. Allerdings können die Rabenkrähen gerade dort massiv auftreten, wo seit Jahren hohe Wiesenbrüterdichten herrschen.

Anhand dieser Erläuterungen dürfte der wahre Feind der Wiesen- und Feldbrüter ermittelt sein, aber ich möchte gern noch ein Beispiel anfügen welches die Folgen der Landwirtschaft verdeutlicht.

1993 gab es einen sehr trockenen März, in dem für Bodenbrüter tödliche landwirtschaftliche Arbeiten wie Schleppen und Walzen der Wiesen und Weiden rechtzeitig vor Brutbeginn der meisten Paare abgeschlossen waren. Daran anschließend war der Frühling warm, freundlich und genügend feucht. Sehr früher erster Schnitt der Wiesen ab Anfang Mai verhinderte aber einen noch besseren Bruterfolg, weil nur auf beweideten Flächen Bruterfolg eintrat, auf Mähflächen jedoch so gut wie alle schon geschlüpften Winterküken durch dieses frühe Mähen getötet und die restlichen Gelege dabei zerstört wurden.

1994 war der März dagegen extrem nass. Die Landwirte konnten erst ab Mitte April aufs Land, zu einer Zeit, in der die Gelege der Wiesenbrüter meist schon vollzählig sind. Auf vielen Flächen wurden sie daher plattgewalzt oder durch das Schleppen zerstört. Der Viehauftrieb fand in beiden Jahren in der sensibelsten Phase zu Ende der Brut- und Beginn der Schlupfzeit der Wiesenbrüter statt, sodass 32 bis 47 Prozent der Verluste allein auf diese Nutzung zurückzuführen waren. 1994 aber kam - eben anders als 1993 - schon vier bis sechs Wochen nach dem Schleppen und Walzen der erste Schnitt. Das reichte für fast kein erfolgreiches Nachgelege.

(Quelle: Dr. Wolfgang Epple)

Hier soll nicht der Eindruck entstehen, ich würde mich gegen die Landwirtschaft stellen. Dies wäre auch falsch, da es genügend Landwirte gibt, die verantwortungsvoll mit der Natur umgehen. Ich selbst habe dieser Art Landwirt fünf Jahre Grundstück an Grundstück gelebt und ich bin heute noch erstaunt darüber, was ich von diesem Naturfreund lernen konnte.

10.000 Krähen! Vor den Hintergrund, dass die Hauptbrutzeit von Rabenkrähe und Saatkrähe in den Zeitraum dieser fragwürdigen Forschungsarbeit fällt, lässt vermuten, dass die Dunkelziffer der getöteten Tiere (verlassene und verhungerte Jungvögel) noch wesentlich höher liegt.

Lassen Sie diesen Artikel auf sich wirken und entscheiden Sie selbst, wie lange Sie noch die Augen verschließen können. In einem anderen Artikel hat der Rabenbaum 2003/2004 über die Krähengalgen berichtet. Es geht nun um das gleiche Übel für die Landwirtschaft. Doch die Akzeptanz durch die Bevölkerung hat vor dem Hintergrund "Wiesen- und Feldbrüter" einen ganz anderen Stellenwert.

Schäden durch Vogelfraß und Zerstörung der Silage-Lager wird wohl auch hier den Antrieb zum Krähentöten gegeben haben. Ich nehme dem Landwirtschaftsminister Herrn Ehlen sein Interesse für die Wiesenvögel nicht ab.

Guido Schmidt