Mit dem Knüppel auf Krähenjagd

Leer. Hunderten von Rabenvögeln geht es im Landkreis Leer seit August ans Gefieder. In einem umstrittenen wissenschaftlichen Experiment werden sie in Fallen gefangen und getötet. Tierschützer haben nun einen neuen Versuch unternommen, die Krähen-jagd zu stoppen. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) reichte eine Dienstaufsichtsbeschwerde beim Wissenschaftsministerium ein.

Gut 200 sogenannte norwegische Fallen wurden in den ostfriesischen Revieren ver-teilt. Verschläge aus Holz und Maschen-draht- drei Meter lang, zwei Meter breit und zwei Meter hoch. Sie funktionieren wie eine Fischreuse: Am Abend kommen die Jäger mit dem Rundknüppel und zertrümmern das Krähengenick. Rund 5700 Vögel mussten seit Beginn des Projekts dran glauben. "Tierschutzrecht", wie es heißt. Das töten ist Teil einer dreijährigen Studie unter Aufsicht des Istituts für Wildtierforschung in Hannover und bezahlt vom Land Niedersachsen mit 66000 Euro. Sie soll belegen, dass sich die Bestände von Kiebitz, Rotschenkel oder Uferschnepfen erholen, wenn die als Nesträuber bekannten Rabenkrähen massenhaft bejagt werden.

Saatkrähe
Ein ,,täglicher Vogelmord" ist es dagegen für den Nabu. Denn in den Fallen fänden geschützte Arten wie Bussard, Euleen, Habichte, Falken. Als Lockmittel sei sogar eine Blessgans, ebenfalls ein gefährdeter Vogel eingesetzt worden. Ein wissenschaftlicher Nutzen sei zudem nicht erkennbar, da weder Bestandsanalysen des Wiesenvögel- noch des Rabenvogelbestandes durchgeführt wurden. Außerdem fehle die Tierversuchsgenehmigung. Da mit öffentlichen Geldern gearbeitet werde, fordert der Nabu auch, den Verdacht der Mittelverschwendung zu prüfen. Doch in Hannover zeigt man sich unbeirrt. ,,Fünfmal haben wir schon Aufklärung verlangt und nie eine Antwort erhalten", klagt Nabu-Sprecher Ulrich Thüre. Das Wissenschaftsministerium hat den Fall ans Landwirtschaftsresort weiter verwiesen. ,,Wir werden das Projekt noch einmal mit dem NABU durchgehen und es erläutern", sagte gestern Ministeriumssprecher Gerd Hahne. ,,Ich wüsste nicht, was es da zu erklären gibt", kontert Thüre ,,Das Projekt muss gestoppt werden".

Auch auf anderen Wegen hatten die Naturschützer bislang wenig Erfolg. Seit April vergangenen Jahres liegen Strafanzeigen gegen den Kreisjägermeister, Mitarbeiter des Landkreises Leer und den Institutsleiter in Hannover bei der Staatsanwaltschaft Aurich. Diese ermittelt wegen Verdachts auf Verletzung des Tierschutzgesetzes. Doch ein Ende des Verfahrens ist nicht in Sicht. ,,Wir warten auf ein Gutachten der Fachbehörde", erklärt Staatsanwalt Werner Kramer. Diese hieß bis vor kurzem Bezirksregierung Weser-Ems, ist aber mitlerweile aufgelöst. Die neue Bezirksstelle müsse sich offenbar erst neu organisieren, meint Kramer.
Da keimt bei Nabu-Landeschef Hans-Jörg Helm ein Verdacht: ,,Sollte es sich um ein abgestimmtes Schweigen der Landesbehörden handel?"

Quelle: Weser-Kurier 24.02.2005